Forschungsprogramm
Die Arbeitsteilung zwischen den ökonomischen Disziplinen und der Wirtschaftssoziologie wird traditionellerweise mit den unterschiedlichen Paradigmen ("homo oeconomicus") bzw. ("homo sociologicus") begründet. Dabei leitet das Paradigma der Soziologie vor allem zur Analyse der institutionellen Seite des Wirtschaftens an. Innerhalb dieses Analyserahmens richtet sich das Interesse vor allem auf nichtmarktliche Institutionen: Wirtschafts- und Industriesoziologie war und ist primär eine Soziologie wirtschaftlicher Organisationen. Diese Arbeitsteilung machen neuere Tendenzen fragwürdig. So werden "Rational Choice"-Ansätze zunehmend auch in der Soziologie rezipiert; umgekehrt werden in der betriebswirtschaftlichen Organisationsforschung mit Fragen der Organisationskultur Kernthemen der Soziologie aufgegriffen. In der neoinstitutionellen Ökonomie hat die Analyse nichtmarktlicher Institutionen einen zentralen Stellenwert.
Dies gibt Anlaß, den spezifischen Beitrag der Wirtschaftssoziologie für die Analyse wirtschaftlicher Fragen zu überdenken. Einen Anknüpfungspunkt bietet einerseits der Ansatz der institutional economics, wenn er die Erklärungen von Institutionen durch deren Effizienz zur Grundprämisse seines Forschungsprogramms macht. Demgegenüber lassen sich andererseits aus soziologischer Sicht durchaus im Anschluß an ihre Klassiker wie Weber, Durkheim und Parsons Institutionen als historisch gewachsene Arrangements begreifen, die ihrerseits in gesellschaftliche Rahmenbedingungen (wie Macht- und Interessenkonstellationen sowie kulturelle Gegebenheiten) eingebettet sind. Es ist diese gesellschaftliche Bedingtheit, die institutionelles Design in gleicher Weise zur Notwendigkeit und zum Problem werden läßt, gerade wenn es an ökonomischen Kriterien orientiert ist: Es wird zur Notwendigkeit, weil infolge gesellschaftlicher Bedingtheit die "natural selection" des Marktes nicht automatisch die effizienten Institutionen zu generieren vermag; und es wird zum Problem, weil ökonomisch sinnvolle Entscheidungen sich nicht umstandslos als politisch, sozial und kulturell machbar bzw. akzeptabel erweisen. Die gesellschaftliche Einbettung von Institutionen hat z. B. in der Betriebsberatung zur Einsicht geführt, daß die Restrukturierung von Unternehmen aselten allein durch rationale Disposition sondern oft nur durch einen voraussetzungsvollen Prozeß sozialen Lernens ("Organisationsentwicklung") realisiert werden kann. Auf der Makroebene zeigt u. a. das Beispiel der postkommunistischen Gesellschaften die Schwierigkeiten institutioneller Transformation.
Im Zug der Globalisierung der Märkte ergeben sich aus der gesellschaftlichen Bedingtheit von Institutionen wichtige Konsequenzen auch für deren wirtschaftliche Effekte. Zum einen vergrößert sich der Druck auf Unternehmen und Volkswirtschaften effizientere Designs zu etablieren; zum anderen sind sie aufgrund ihrer spezifischen gesellschaftlichen Bedingungsverhältnisse höchst unterschiedlich befähigt, solche Designs umzusetzen. Durch die Globalisierung der Märkte werden die gesellschaftlich bedingten institutionellen Unterschiede in den einzelnen Unternehmen und Volkswirtschaften zu einem zentralen Faktor von Wettbewerbsfähigkeit; Weltmarktkonkurrenz ist zunehmend nicht bloß Wettbewerb zwischen Produkten und Produzenten, sondern auch zwischen distinkten institutionellen Arrangements, in deren Rahmen sich Leistungserstellung vollzieht.
Für die inhaltliche Ausrichtung des Forschungs- (aber auch des Lehr-) Programms folgt aus all dem, die Wirtschaftssoziologie als Soziologie wirtschaftlicher Institutionen zu fassen. Hierbei verdient zum einen der internationale Vergleich besondere Aufmerksamkeit, denn durch ihn läßt sich die Varianz in den Institutionen, in deren gesellschaftlichen Grundlagen und wirtschaftlichen Effekten besonders deutlich darstellen. Unser Interesse gilt dabei sowohl der Makroebene (gesamt)wirtschaftlicher Institutionen als auch der Mikroebene der Unternehmens- bzw. Betriebsorganisation. Zum anderen gilt unsere Aufmerksamkeit auch jenen Konzepten und Analysen unserer Nachbardisziplinen (Ökonomie, Politikwissenschaft), die einen Bezug zu den hier skizzierten Themen aufweisen.
Innerhalb dieses Programms konzentriert sich unsere Forschungstätigkeit gegenwärtig auf folgende Fragen: Inwieweit finden in der Wirtschaft Unterschiede in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ihren Niederschlag in unterschiedlichen institutionellen Arrangements? Welche Auswirkungen ergeben sich aus der Globalisierung der Märkte (Produkt-, Arbeits- und Finanzmärkte) auf die bestehenden Arrangements und ihre gesellschaftlichen Rahmenbedingungen? Kommt es durch diese Globalisierung zu einer Konvergenz der gesellschaftlichen, Institutionen und (Management-) Praktiken? Führen fortbestehende Divergenzen in den institutionellen Arrangements zu Unterschieden in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und Entwicklung? Führt die transnationale Diffusion von Marktbeziehungen zur Erosion von (vorzugsweise territorial bzw. national verankerten) nichtmarktlichen Institutionen?

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