Arbeitsgesellschaft und industrielle Demokratie in Europa
Projekthomepage
Auftraggeber: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur; Laufzeit: 2004-2006
Projektleiterinnen: Sabine Blaschke, Susanne Pernicka (beide Universität Wien)
Projektteam: Georg Adam (Universität Wien), Andreas Aust (Berlin), Kurt Mayer (Institut für Höhere Studien, Wien), Franz Steinbauer (Institut für Höhere Studien, Wien)
Zwei mögliche Szenarien für die Zukunft der Arbeitswelt:
- Flexible (atypische) Beschäftigungsformen und die Selbstorganisation der Arbeitenden werden zum Regelfall. Die Verkaufsbedingungen der Arbeitskraft und die Festlegung der Arbeitsbedingungen werden frei zwischen Arbeitgeber und ArbeitnehmerInnen verhandelt; kollektive Interessenvertretungen überflüssig und demokratische Mitbestimmung der ArbeitnehmerInnen vom guten Willen der Arbeitgeber abhängig gemacht.
- Korporatistische AkteurInnen versuchen die zunehmende Anzahl atypisch beschäftigter ArbeitnehmerInnen und deren Interessen zu integrieren. Strukturelle Gegensätze zwischen Arbeitgeber und ArbeitnehmerInnen werden nicht gänzlich zu Lasten Letzterer ausgetragen, indem z.B. ökonomische „Risiken“ wie Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Schwangerschaft ohne Absicherung auf sie abgewälzt werden. Die Inklusion in eine gewerkschaftliche und betriebsrätliche Interessenvertretung garantiert allen ArbeitnehmerInnen demokratische Mitbestimmung auf europäischer, nationaler und betrieblicher Ebene.
Die Ziele des Forschungsprojekts
Obwohl die tatsächliche Entwicklung ungewiss ist, zielt das Projekt darauf ab, neue Erkenntnisse über den Organisationsbedarf atypisch Beschäftigter auf der einen Seite sowie die Organisationsfähigkeit korporativer Akteure auf der anderen Seite im Vergleich zwischen Österreich und Deutschland zu liefern.
Forschungsdesign und Forschungsfragen
Anhand von Unternehmensfallstudien in drei Branchen (Elektroindustrie, Call Center und berufsbezogene Erwachsenenbildung) werden mittels Fokusgruppen und ExpertInneninterviews mit atypisch Beschäftigten (LeiharbeitnehmerInnen und abhängige Selbständige) und Arbeitnehmervertretungen folgende zentrale Fragen erörtert:
- Wie können Gewerkschaften neue/alte Mitglieder (wieder) gewinnen und dauerhaft binden um durch deren Beiträge jene finanziellen Ressourcen zu lukrieren, die ein auf freiwilliger Mitgliedschaft beruhender Verband für die Durchsetzung kollektiver Interessen benötigt und eine „kritische Masse“ an Mitgliedern zu erreichen, welche die Arbeitgeberseite und den Staat zu Zugeständnissen für die wachsende Anzahl atypisch Beschäftigter bewegen kann? [Rekrutierungsproblem]
- Wie können Gewerkschaften die zunehmend heterogenen Interessenlagen ihrer Mitglieder (resultierend u.a. aus den verschiedenen atypischen Beschäftigungsverhältnissen) durch interne Willensbildungsprozesse soweit vereinheitlichen, dass kollektive Handlungsfähigkeit vis a vis den Arbeitgebern und dem Staat gegeben ist? [Aggregationproblem]
- Welche neuen oder bewährten Mitbestimmungs- und Beteiligungsmodelle für die atypisch Beschäftigten können durchgesetzt werden um die „Asymmetrien im lohnabhängigen Arbeitsverhältnis (erneut zu) korrigieren“ (Baglioni 1999)? [Steuerungsproblem / Effektivität]
Aus den zentralen Fragen/Problemstellungen lassen sich betreffend die gewählten Gruppen atypisch Beschäftigter nun folgende Subfragen ableiten:
In Bezug auf die Gruppe der LeiharbeitnehmerInnen und abhängigen Selbständigen:
- Wie perzipieren diese Gruppen der atypisch Beschäftigten ihre Situation im Kontext betrieblicher und gewerkschaftlicher Interessenvertretung?
- Besteht aus der Sicht der von atypischer Beschäftigung betroffener Frauen und Männer ein Bedarf an kollektiver Interessensvertretung? Und wenn ja, welcher (z.B. Betriebvereinbarungen, Tarifverträge, europäische Sozialpakte)?
In Bezug auf die Arbeitnehmervertretungen: - Wie perzipieren die nationalen und europäischen Arbeitnehmervertretungen sowie die BetriebsrätInnen die Problematik der zunehmenden Anzahl an LeiharbeitnehmerInnen und abhängigen Selbständigen?
- Welche diesbezüglichen Strategien entwickeln Gewerkschaften und BetriebsrätInnen (Inklusion/Exklusion) auf allen Ebenen der Arbeitsbeziehungen (betrieblich, sektor- bzw. branchenspezifisch und gesamtwirtschaftlich: national/EU)?
- Welche Folgen haben die von den Gewerkschaften und den BetriebsrätInnen gewählten Strategien für die Organisationsstruktur und die innerorganisatorische Legitimation der Arbeitnehmervertretungen?
Aus beiden Perspektiven: - In welchem Verhältnis stehen die beiden oben genannten Perzeptionen und Bedürfnisse atypisch Beschäftigter einerseits, und die Wahrnehmungen und Strategien der Arbeitnehmervertretungen andererseits?
Die Ziele des Forschungsprojekts
- Die Einschätzung der Entwicklungstrends atypischer Beschäftigung innerhalb der Europäischen Union und mit besonderer Berücksichtigung der Vergleichsländer Österreich, Deutschland und Großbritannien
- Eine Auslotung aktueller und potenzieller Partizipationsmöglichkeiten von LeiharbeitnhmerInnen und abhängigen Selbständigen auf allen Ebenen der Arbeitsbeziehungen (v.a. betrieblich und branchenspezifisch und national)
- Eine Erhebung des Bedarfs von LeiharbeitnehmerInnen und abhängigen Selbständigen an einer kollektiven Interessenvertretung, um daraus Handlungsanleitungen für die betreffenden Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und die Gesetzgeber abzuleiten
- Auf Grundlage der empirischen Erhebungen und Sekundärdatenanalysen wollen wir zudem einen Beitrag zur Theoriebildung im Bereich der industriellen Demokratie und der Verbändeforschung leisten.

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